
Karnien und Slowenien
Text und Fotos: Helmut Hofmann und Dr. Ingrid Gloc-Hofmann
Ein Kurvenrausch zwischen Karawanken und Triglav-Massiv
Ein Sonntag mitten im Januar. Das war ein Nachmittag: bei 16° Celsius sind wir die Hausstrecke durch die Fränkische Schweiz gefahren. Bei so viel Frühlingsgefühlen kommt Freude auf und macht Lust auf mehr. Gleich am selben Abend begutachten wir unser vorhandenes Kartenmaterial und beginnen eine neue Motorradtour in die Alpen auszuhecken. Dabei erinnern wir uns, daß wir doch letztes Jahr von Trentino kommend über Tolmezzo und den Plöckenpaß nach Hause gefahren sind. Diese Gegend ist sehr schön und bereits als Knirps hat mir der Plöckenpaß gefallen, wenn ich im Auto meiner Eltern in den Sommerurlaub an die Adria fuhr. Hier ist sehr viel weniger Verkehr als auf der Sella-Ronda, die im August von einem Großparkplatz kaum zu unterscheiden ist, und außerdem wurden wir neugierig auf die südöstlichen Ausläufer der Alpen. Neun Monate gingen wir mit der Idee schwanger, während uns andere Touren in die schönsten Winkel Mitteleuropas trieben. Dann am Samstag, 4. September war es so weit. Entgegen unserer Planung zeigte das Thermometer 7° Celsius an. Nach der Anfahrt über die Autobahn kommen wir am Brenner an. Es wird landschaftlich interessanter, dafür aber ist es mit 2° Celsius und bei leichtem Schneefall bitterkalt. Doch schon in Sterzing wird es etwas wärmer. Kurz danach biegen wir ins Pustertal ab und fahren zu unserer bestellten Unterkunft in Toblach.
Der nächste Morgen empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein und
wir brechen auf nach Karnien. Bereits vor Jahren sind wir über den Passo
di Mauria gefahren und dabei sind uns die Berge nördlich von Ampezzo als
besonders schroff in Erinnerung geblieben. Diese Berge sollen heute unser Ziel
sein. Nach unseren Karten führen einige Straßen durch dieses Gebiet
und wir wählen die Route über San Stéfano di Cadore und weiter über
die kleine Straße SP 465. Nach San Stéfano windet sich die Straße
mit gutem Teerbelag entlang eines Baches ins Gebirge, die Aussicht wird immer
faszinierender, keine weiteren Fahrzeuge sind zu sehen und wir genießen
die ruhige und zügige Fahrt. Doch plötzlich endet der Teer, ein kleiner
Erdwall ist über die Straße aufgeschüttet, der für uns
aber kein Problem darstellt. Langsam fahren wir über den nur 30 cm hohen
Erdhaufen und weiter bis zur nächsten Kurve: Und dann ist endgültig
Schluß. An dieser Stelle überquert die Straße das Tal, doch
die Brücke ist eingestürzt und liegt in Trümmern etwa 10 m tiefer
im Bach. Selbst mit einer Trialmaschine wäre die Durchquerung kaum zu
schaffen. Also zurück. Wir begutachten die Karte und entscheiden uns für
die SP 619 in Richtung Karnien. Zunächst geht es zur Sella Ciampigotto
hoch. Die Auffahrt hat es in sich. Die Straße ist völlig von ihrem
Teerbelag befreit und die Spitzkehren bestehen aus einer Aneinanderreihung
von Löchern, losen Steinen und Geröll. Aber die üppigen Federwege
unserer Reiseenduros bügeln fast alles glatt. Nach ungefähr 50 km
Fahrt können wir die Brücke von der gegenüberliegenden Bachseite
aus begutachten. Danach geht es weiter durch das Val Pesarina. In Prato Cárnico,
einem typischen karnischen Bergdorf, bleiben wir vor der Dorfkirche stehen,
um den extrem schief stehenden Turm, der uns an den schiefen Turm von Pisa
erinnert, zu bewundern.
Mittlerweile ist es schon Nachmittag geworden und unser
heutiges Ziel liegt noch ein Stück entfernt in den Bergen nördlich
von Ampezzo. So satteln wir wieder unsere Motorräder und weiter geht es
durch den Canale di Gorto bis Ampezzo. Die Abzweigung nach Sáuris vom
breiten Tal des Tagliamento aus ist unübersehbar. Und sogleich geht es über
atemberaubende Kurven hoch zu dem abgeschieden liegenden Bergort. Die Strecke
gleicht einer Achterbahn. Spitzkehren wechseln mit kopfsteingepflasterten Tunnels
ab, dann wiederum folgen aus den Felsen gehauene Straßenstücke,
die an tiefen Schluchten entlang führen. Plötzlich liegt ein ruhiger
Stausee vor uns. Die türkisfarbene Wasserfläche wird von grünen
Almen und steil ansteigenden Bergstöcken umzingelt. Wir besichtigen den
Staudamm, der eben jenes Tal abriegelt, das wir soeben hochgefahren waren,
und wenden uns dann dem letzten Teil unserer Etappe zu. Die Straße führt
zunächst eben am See entlang, um alsbald wieder an Höhe zu gewinnen.
Die Strecke mit ihrer gleichmäßigen Aneinanderreihung von Kurven
macht einen richtig schwindelig und als wir oben in Sáuris di Sotto
ankommen, haben wir fast so eine Art Höhen- oder Kurvenrausch. Das karnische
Bergdorf Sáuris mit seinen steingemauerten Bauernhäusern schmiegt
sich an die Hänge des Monte Piéltinis. Wie es der Zufall so will,
liegt am schönsten seiner Plätze das Hotel Morgenleit. Die Terrasse
davor bietet eine wunderbare Aussicht auf den See und die umliegenden Berge.
Flugs haben wir für eine Nacht mit Halbpension gebucht und gehen voller
Erwartung zum Abendessen. Das Menue erweist sich als hervorragend. Zur Vorspeise
wählen wir Nudeln, wir sind ja schließlich in Italien. Als Hauptgericht
kosten wir Fricca, eine echte karnische Spezialität, die aus Kartoffeln
und gebratenem Käse der nahegelegenen Almen zubereitet wird. Es schmeckt
vorzüglich, doch der gebratene Käse sättigt ungemein. Zum Glück
gibt es danach einen Grappa.
Am nächsten Morgen sind die Motorräder von einer Eisschicht überzogen. Kein Wunder, denn immerhin befinden wir uns auf über 1200 Höhenmetern. Während des für italienische Verhältnisse üppigen Frühstücks aber taut die Sonne unsere Motorräder wieder auf und wir entscheiden spontan, eine weitere Nacht hierzubleiben. Wie sich herausstellt, eine weise Entscheidung. Unsere Tagesrunde führt uns über Comegliàns und Paluzza bis Paularo. Die Strecken sind wunderschön, kein Auto weit und breit haben wir die gesamte Straße für uns alleine. Das ist auch gut so, den die Fahrbahnbreite liegt teilweise kaum über 2,50 Meter. Zum Abschluß besichtigen wir noch die Altstadt von Tolmezzo und genießen auf dem arkadenumsäumten Marktplatz vor dem Dom, im Freien sitzend, den wohlverdienten Cappuccino. Nach einem weiteren bemerkenswerten Abendessen in unserem Hotel in Sáuris steht Kartenwälzen an. Die Entscheidung wird schnell gefällt: Slowenien mit den Julischen Alpen wird unser morgiges Ziel werden.
Am nächsten Morgen fahren wir an
Tolmezzo vorbei durch den Canale di Ferro und hoch zur Sella Nevea. Die Strecke
führt zuerst durch ein liebliches Tal, am Talende wird dann die Berganfahrt
in unzähligen Spitzkehren gemeistert. Auf der Sella Nevea angekommen, überrascht
uns ein großes Wintersportgebiet mit einer gewaltigen Ansammlung großer
Skihotels. Im Sommer kein übermäßig schöner Anblick, aber
man muß ja nicht stehenbleiben. Dafür entschädigt uns die
Abfahrt auf der SP 54 mit wunderschönen Aussichten. Noch einmal geht es
hoch auf den Predilpaß und dann ist Slowenien schon nicht mehr weit.
Eine Gruppe Endurofahrer donnert an uns vorbei - bestimmt kommen sie vom Mángartpaß,
einem legendären Schotterpaß, der genau die Grenze zwischen Italien
und Slowenien markiert, wobei die Auffahrt nur von Slowenien möglich ist.
Die Grenze nach Slowenien passieren wir ohne jegliche Probleme und gelangen
kurz danach zur Abzweigung zum Mángartpaß. Mit dem Grenzübergang
hat sich auch die Landschaft wesentlich verändert. Während in Karnien
weite Bergzüge und landwirtschaftlich genutzte Hochalmen vorherrschen,
nimmt uns hier eine abgeschieden karge und schroffe Bergwelt ein. Die Sonne
hat sich verzogen und dichte Wolken verhüllen die Bergspitzen. Aber nichts
kann uns aufhalten, den Mángartpaß zu befahren. Zunächst
wechseln Teer mit Schotter ab, dann im oberen Teil wird es ziemlich weich,
vor allem in den Spitzkehren. Eine folgt der anderen und so wühlen wir
uns stetig nach oben. Die Sonne kommt nur noch ab und zu durch die Wolken durch,
manchmal kann man kaum 50 Meter weit sehen. Den Ausblick ins Tal können
wir nur erahnen. Dann teilt sich die Straße zur Gipfelstrecke auf, welche
auf dem Bergplateau einen Kreis vollführt. Wir nehmen die rechte Abzweigung,
nach einer Weile wird es eben und plötzlich taucht vor uns im Nebel ein
geparktes Auto auf. Das muß der Mángartpaß sein! Wir parken
und laufen zur nahegelegenen Scharte hinauf. In diesem Moment reißen
die Wolken auf, die Aussicht ist atemberaubend. Vor unseren Augen erhebt sich
der schroffe 2.677 Meter hohe Bergstock des Mángart und direkt vor unseren
Füßen geht es 1.000 Meter hinab in die Tiefe.
Dort unten kann man die italienischen Laghi di Fusine sehen und dahinter den
gesamten Alpenhauptkamm überblicken. Lange stehen wir wie gebannt da und
nur schweren Herzens können wir uns von dieser Aussicht losreißen.
Doch wir müssen weiter. Die Abfahrt ist trotz der Schotterpassagen problemlos
und nun können wir auch die Aussicht in die Täler auf der slowenischen
Seite genießen. Wir fahren zunächst entlang des Flußes Soca
mit den alten hölzernen Hängebrücken, durch das wunderschöne
Trentatal, vorbei an kleinen Ansiedlungen mit buntbemalten Bauernhäusern
mit holzgeschnitzten Ornamenten, bis zum Ort Trenta. Hier beginnt der schönste
Asphaltpaß Sloweniens, der Vrsíc. Kurz hinter Trenta in der ersten
Spitzkehre lesen wir auf einer Hinweistafel die Zahl 51. Auf den nächsten
12 Kilometern erwarten uns also noch weitere 50 Spitzkehren! Auf der Paßhöhe
machen wir Pause: Motorrad abstellen, Helm runter und.... unendliche Freude.
27 Kehren sind gemeistert und zwischen den einzelnen Kehren hatte die Strecke
auch noch so manche Kurve zu bieten. Als der Puls wieder auf Normalniveau abgesunken
ist, starten wir zur Talfahrt nach Krajnska Gora. Kaum zu glauben, aber die
Abfahrt ist ebenso toll wie die Auffahrt, erfordert vielleicht noch mehr Konzentration,
da die Spitzkehren hier gepflastert sind und leicht schmierig werden. Aber
die landschaftlichen Ausblicke werden immer faszinierender. Wir befinden uns
nun inmitten des Triglav-Massivs im Triglav-Nationalpark und fahren hinab in
einen Bergkessel, der von den Spitzen der 2.400 bis 2.700 Meter hohen Berge
gesäumt wird. Kurz vor Krajnska Gora lacht uns eine Pension an, ein großes
mit Holzschnitzereien geschmücktes Haus inmitten einer kleinen Parkanlage.
Wir beschließen hier zu übernachten und werden freundlich von der
deutsch sprechenden Dame des Hauses empfangen. Wie sich am Abend herausstellt
ist auch die Slowenische Küche mit ihren hausgemachten Spezialitäten
vorzüglich, das Bier ebenso gut wie der italienische Rotwein am Vorabend.
Am nächsten Morgen kann man es schon beim Aufwachen hären. Es
klopft, aber nicht an der Tür, sondern auf dem Dach des Gasthauses.
Regen! Trotzdem, wir wollen weiter. Die Straße nach Pontebba ist gut
ausgebaut und somit auch bei Regen kein Problem. In Pontebba biegen wir nach
Norden, Richtung Naßfeld ab. Das Naßfeld macht heute seinem Namen
alle Ehre. Über die Windische Höhe gelangen wir zur österreichischen
Bundesstraße 100 und erreichen an Spittal vorbei Gmünd, wo es ein
sehenswertes Porschemuseum zu besichtigen gibt. Wir nächtigen sehr ruhig
und komfortabel im nahen Maltatal. Am nächsten Morgen beginnt unsere weitere
Heimreise mit der Auffahrt zum legendären Katschberg, der früher
30 % Steigung hatte und als Versuchsstrecke für den VW-Käfer herhalten
durfte. Heute hat der Paß nur noch zwischen 15 % und 17 % Steigung, hat
aber dennoch seine Reize. Unsere restliche Heimfahrt führt über die
Radstädter Tauern, über Salzburg und dann auf der Autobahn nach Hause.
Abends treffen wir einige alte Freunde. Wir erzählen von unserer erlebnisreichen
Herbsttour, die von Highlights nur so gespickt war, und ernten begeisterten
Zuspruch für eine neue Motorradtour in einer noch kaum befahrenen unberührten
Alpenregion.
Der Bericht ist aus dem Jahre 1996 und basiert auf einer unserer Vortouren.
Bevor wir eine erste "Pilottour" (Carnien-Pilottour 1997) anbieten
haben wir das Gebiet mehrmals alleine bereist, damit uns Hotels, Streckenführung
usw. gut bekannt sind. Zwischenzeitlich hat sich auch vieles geändert.
Die Auffahrt zum Mángartpaß ist seit 1998 auf der gesamten Länge
geteert. Eine Befahrung ist mit jeder Straßenmaschine möglich. Unsere
Reise führt über eine weitere Runde durch Slowenien und ist mit drei Übernachtungen
in Slowenien auch wesentlich länger als die beschriebene Tour.
Weitere Informationen und Reiseziele unter:
HIT-Motorradreisen
Gewerbering 4
86666 Burgheim
Homepage: HIT-Motorradreisen
Laut Urteil vom 12. Mai 1998 - 312 O 85/98 distinzieren wir uns ausdrücklich von allen externen Links.
Detailergebnis aus http://www.motorradreisendatenbank.de
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